Ich werde wohl nicht davon erzählen, wie ich nach der Arbeit in einem leeren Park das Radfahren neu lernte und mich an meine glückliche Kindheit auf dem Dreirad erinnerte. Die Geschichte ist zwar nicht uninteressant, aber eher für mich als für andere. Doch eines Tages wurde ich mutig und fuhr ohne anzuhalten von einem Ende zum anderen, über alle Brücken und steilen Wege entlang des Flussufers, und es kam mir vor, als stünde mir die Welt nun offen. Danach war ich wie die Möwe Jonathan Livingston. Ich übte das Fahren und Kurven um Hagebuttenbüsche herum, in Vorbereitung auf große Flüge auf den Highways der USA. Ernsthaft hoffte ich jedoch nicht darauf: Ich hatte Angst, Regeln zu verletzen, die ich nie kannte. Zum Beispiel hatte ich keinen Helm, und mein schlimmster Albtraum war es, mit unbedecktem Kopf einem Polizeiauto zu begegnen.
Aber nur im Park zu fahren, wurde langweilig. Ich beherrschte das Fahrrad schon ziemlich gut, und außerdem trieb mich eine unbändige Neugier an, die ich zu Fuß nicht befriedigen konnte. Da wurde ich ein zweites Mal mutig, und eines schönen Tages überquerte das Fahrrad einfach die Grenze der Parkzone und rollte auf den Gehweg. Oh, wo ich damals, gleich am ersten Tag, gelandet bin, weiß ich schon gar nicht mehr. Aber sehr weit. Ich konnte einfach nicht aufhören, ich prägte mir jedes Stückchen ein, das ich sah, und kam aus dem Staunen nicht heraus, in welch schöner Stadt ich lebe. Ja, ich war überzeugt, dass ich Yarmouth jetzt kenne.
Doch das war bei weitem nicht der Fall. Von jeder Fahrt kehrte ich erneut erschüttert zurück, denn sobald man eine neue Abzweigung nahm, in eine unbekannte Straße einbog, eröffnete sich eine weitere, unbekannte Seite der Stadt. Es ist unmöglich zu beschreiben oder gar auf Fotos festzuhalten, wie viel und was genau ich an wunderschönen Dingen gesehen habe, obwohl mir gerade unterwegs Ideen und Textentwürfe kommen. (Die dann erfolgreich wieder vergessen werden.) Die Straße ist überhaupt eine Inspiration. Wenn man lange fährt, endet nach den Gesetzen der Natur irgendwann der Tag. Dunkelheit legt sich über die Stadt, und eine Stille, die man von Amerika gar nicht erwartet. So haben es die Stereotypen und (entschuldigt) die Angeberei in unseren Köpfen geschaffen, mit all den Broadways und der Werbung, mit dem gezähmten Strom, der Herde gelber Taxis und dem nächtlichen Clubleben. Das mag vielleicht auf eine Metropole zutreffen oder auf unsere Träume davon, aber nicht auf das ganze Land.
Du fährst durch das abendliche Städtchen und verstehst, dass es ganz anders ist. Amerika – das, das mein Amerika ist und das meiner Meinung nach das echte ist – ist familiär und häuslich. Und ja, einstöckig, die in ihren transparenten Häuser-Schachteln fernsehen. Amerikanische Häuser haben viele Fenster, die oft nicht zugezogen werden und den Blick durch das ganze Haus freigeben; als ob sie aus ihrem Privatleben kein Geheimnis machen würden. Und so rolle ich leise mit dem Fahrrad, höre, wie die Reifen auf dem Gehweg rascheln, und sehe hinter den Fenstern leuchtende Bildschirme und Menschen, die davor auf dem Sofa sitzen.

